KIRCHENTRENDS 2025

KIRCHENTREND 5:
Die psychische Gesundheit von Pastoren wird schlechter

Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der wir die Church Trends 2025 des kanadischen Pastors, Bloggers und Podcasters Carey Nieuwhof kommentieren:

Pastorenbefragung in den USA

Welche Zahlen Carey Nieuwhof nennt, ist erschreckend:

  • Jeder dritte Pastor in den USA hat 2023 ernsthaft darüber nachgedacht hinzuschmeißen.
  • 81% erhalten seltener als monatlich geistliche Unterstützung durch andere.
  • Nur 7% der Pastoren unter 45 Jahren sagen, dass es ihnen gut geht.
  • 18% (!) aller Pastoren haben im letzten Jahr über Selbstverletzung oder Suizid nachgedacht.

Wie also soll es Kirchen gut gehen, wenn es ihren Leitern schlecht geht?

Und in Deutschland?

Die genannten Zahlen stammen aus der Arbeit der Barna Group, die professionelle Umfragen rund um den Glauben in den USA durchführt. Solche Daten stehen uns für Deutschland leider nicht zur Verfügung und wir müssen uns auf Beobachtungen und Bauchgefühl verlassen.

Wir können nicht in die Köpfe und Herzen der Pastoren in Deutschland schauen, doch wir erkennen einige Situationen, die Rückschlüsse ziehen lassen:

Eine Beobachtung, die wir gemacht haben, ist, dass einerseits die Zahl der Theologiestudenten insgesamt rückläufig ist und andererseits ein Großteil der Absolventen langfristig nicht im Dienst bleibt. Entweder wird bereits nach dem Studium ein anderer Weg eingeschlagen oder nach wenigen Jahren in der Arbeit z.B. der ursprünglich erlernte Beruf wiedergewählt. Das hat meist mit Enttäuschungen zu tun: Die Gemeinde trägt Initiativen nicht mit, es kommt unsachliche und persönliche Kritik, es gibt eine zu große Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit des Gemeindelebens, die jahrelang gewachsenen Beziehungsdynamiken der Gemeinde überfordern, sie hadern mit eigenen Persönlichkeitsdefiziten, der volle Kopf des Studiums kommt nicht zur Anwendung, … und so weiter.

Außerdem mangelt es an Menschen, die bereit sind Leitungsverantwortung zu übernehmen. Vor allem auch richtig gute Leiter sind rar. Interessanterweise leiten in Gemeinden auch immer mal Menschen, die es in ihren Berufen nicht tun. Wo sich dann die Frage stellt, warum das so ist. Gleichzeitig sitzen in den Reihen der Gottesdienste hochqualifizierte Leiter ihrer Berufsfelder, die aber in der Gemeinde nicht vorkommen.

Warum ist das so?

Die Erklärung, die ich dafür sehe, liegt in den Arbeitsbedingungen der Pastoren.

Die Erwartungen an sie sind hoch: Sie sollen geistlich inspirierend und kommunikativ stark predigen, die Finanzen der Kirche gut verwalten, in der Lage sein Menschen klar und liebevoll zurechtzuweisen, die Lebensgeschichten der Gemeindeglieder kennen, technisch versiert sein, Vorbild in allen geistlichen Disziplinen sein, mit allen Generationen in Verbindung treten können, in der Stadt/im Ort einen guten Ruf haben, hilfsbereit und demütig auch unansehnliche Aufgaben bereitwillig übernehmen, sehr gute Eltern und Ehepartner sein, die Vergangenheit würdigen und in die Zukunft schauen können und noch Vieles mehr.

Verstärkt wird das noch dadurch, dass wir online ständig jemanden finden können, der besser ist. Wenn heute wieder X predigt, bleiben wir lieber zuhause und schauen online den Gottesdienst von Y. Früher wurden wir mit den anderen Pastoren unserer Stadt verglichen. Heute werden wir mit den Pastoren unseres Landes oder sogar der ganzen Welt verglichen.

Pastoren erhalten selbst wenig Unterstützung, schließlich sind SIE ja diejenigen, die anderen eine Hilfe sein sollen. Wenn dann müssen sie sich selbst um Unterstützung bemühen, die dann auch von extern kommt und nicht aus der Gemeinschaft heraus.

Gerechtfertigt wird der Anspruch unter anderem mit dem Argument, dass Pastoren bezahlt bekommen, was andere ehrenamtlich leisten. Deswegen muss man Überstunden ja schon fast erwarten können und ständig erreichbar sein müssen Pastoren auch. Das Gehalt wird ja schließlich von den Gemeindegliedern finanziert.

Wenn die Pastoren gute Arbeit leisten und Dinge entstehen, dann ist dies natürlich dem Wirken Gottes zu verdanken. Wenn es gerade aber nicht so läuft, dann liegt es daran, dass der Pastor mal dieses und jenes tun müsste.

Ich finde Dan Allender beschreibt in seinem Buch „Leading with a limp“ (S. 27) diese Spannung sehr passend, wie die Erwartung an den Leiter ist in einem Moment mit einer traurigen Geschichte mitfühlt und im nächsten Moment seinen besten Freund von einer Aufgabe in der Kirche entbindet, weil es nicht mehr funktioniert.

Nun haben wir in den vergangenen Jahren so viel über die Bedeutung von emotionaler Gesundheit gehört, dass man meinen könnte, Pastoren leben nun auch emotional gesünder. Im Endeffekt ist das aber absurderweise nur eine weitere Sache, in der sie Vorbild sein müssen und die sie auch noch bewältigen müssen. Zumindest mag es sich für Viele so anfühlen.

Ich weiß, nicht alle Pastoren sind angestellt und ich überspitze etwas. Aber vielleicht auch nicht. Hört sich das nach einem attraktiven Beruf an? Wer will das noch machen? Es braucht oft schon sehr viel Vertrauen in die Berufung, um sich auf diese Arbeit einzulassen.

Mein Punkt ist:

Viele Kirchen ringen um einen Weg nach vorn und für den braucht es Menschen, die diesen Weg anleiten. Selbst wenn wir weit von Zahlen aus den USA entfernt sein sollten, brauchen wir eine gute Art mit unseren Leitern umzugehen. Sonst, so befürchte ich, werden wir sie verlieren. Haben wir vielleicht auch schon.

Was können wir tun?

Ich möchte vier Vorschläge machen, wie wir für unsere Leiter sorgen können:

Wir brauchen große Ausgangstüren: Wir wünschen uns große Eingangstüren in unsere Gemeinden, dass viele Menschen kommen und sich von Herzen willkommen fühlen. Gleichermaßen glaube ich, dass wir ebenso große Ausgangstüren brauchen. Das Neue Testament ist voll von Gedanken, wie wir als Leib Christi in Gemeinschaft leben sollen. Wir müssen die Freiheit haben Menschen, die diesen Weg nicht gehen wollen loszulassen. Wir dürfen es unseren Leitern nicht zumuten, alle noch so weit auseinanderliegenden Erwartungen zusammenbringen zu müssen.

Wir sollten das Geschenk der Grenzen annehmen: Gott hat uns bewusst mit Begrenzungen geschaffen und das ist unheimlich gnädig. Er ist derjenige, der den Unterschied macht und wir dürfen pausieren. Wenn wir unsere Grenzen bewusst überschreiten, sagen wir damit im Grunde genommen, dass wir ihm nachhelfen müssen. Auch unsere Leiter sind mit Grenzen geschaffen, die wir respektieren müssen.

Wir brauchen geeignete Unterstützungssysteme für unsere Leitung: Es ist unwahrscheinlich, dass es der Gemeinde gut geht, wenn es dem Leiter/den Leitern schlecht geht. Schon allein deswegen sollten wir Sorge um das Wohlergehen unserer Pastoren haben. Was können wir einführen, um ihnen zu helfen gut zu arbeiten und gut zu leben?

Wir sollten Jünger machen: Wenn Menschen durch Jüngerschaft geistlich reifen, fangen sie ganz natürlich an Verantwortung für andere zu übernehmen. Zum einen sorgen sie sich mehr um das Wohlergehen ihrer Leiter und zum anderen begeben sie sich in Leitungsrollen, was den Pastor entlastet. Die Verantwortung wird auf breite Schultern verteilt und der Pastor kann sich auf seine Stärken und Hauptaufgaben fokussieren (Apg 6!).

 

Leitung ist keine Einbahnstraße. Ein Pastor, der gibt, aber nicht zurückerhält, wird langsam ausbrennen. Es ist Zeit Verantwortung für unsere Leiter zu übernehmen. Für sie, für unsere Kirchen, für die Menschen, die wir noch erreichen wollen.

Zur Reflektion:

Für Pastoren:

Welche Erwartungen anderer an dich musst du enttäuschen, um voranzugehen?

Welche deiner Grenzen überschreitest du regelmäßig?

Beschreibe eine Sache, die dich in deinem Arbeitsalltag wesentlich unterstützen würde.

In welche Menschen investierst du dich, mit dem Ziel, dass sie geistlich reifen und Verantwortung übernehmen/ von dir abnehmen?

 

Für Leitungsteams:

Wie geht es deinen Leitern mit ihrer Arbeit?

An welcher Stelle musst du gerade für deine Leiter vor der Gemeinde einstehen?

Wie kannst du der Gemeinde helfen eure Leiter zu unterstützen?

Geh nicht allein!

Liebe Leiter, wir stehen hinter euch! Es ist uns ein Herzensanliegen, dass es euch gut geht und euer Dienst Frucht bringt. Wir möchten dich auf deinem Weg begleiten, so wie du es brauchst. Kontaktiere uns für mehr Infos: info@juenger-macher.de

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