VIER PHASEN DER LEITERENTWICKLUNG
„Wir sind fertig. Jetzt seid ihr dran.“ – Das ist ein echtes Beispiel dafür, wie Leitungsverantwortung in einer Gemeinde übertragen wurde.
Als ob ein Sprinter vor der Übergabe des Staffelstabs erst zu einem vollständigen Halt kommt und der übernehmende Läufer stillsteht und wartet – was einen massiven Zeitverlust bedeuten würde. Mit einer guten Staffelübergabe kann es gelingen, dass die Staffel zwei bis zweieinhalb Sekunden schneller ist als die Summe der vier Einzelzeiten der Läufer – im Sprint eine Ewigkeit. Dafür gibt es eine 30 Meter lange Wechselzone innerhalb der der Stab übergeben werden muss.
Dass so eine Staffelübergabe schwierig ist, kann selbst bei Olympia, wenn sich die Besten der Besten miteinander messen, beobachtet werden.
WIE JESUS VERANTWORTUNG ÜBERGEBEN HAT
Was hier für die Leichtathletik gilt, ist in mehrfacher Hinsicht auch für Kirche wahr: Leitungsverantwortung gut zu übergeben ist eine große Herausforderung. Also wie gestalten wir die Wechselzone gut? Ich möchte ein einfaches, praxisorientiertes 4-Phasen-Modell vorschlagen, für das ich Referenzen im Leben Jesu mit seinen Jüngern wiedererkenne:
Zuerst ruft Jesus seinen Nachfolgern, den Jüngern, zu: „Folge mir nach!“ Ganz am Anfang steht eine klare Einladung für den gemeinsamen Weg. Jesus lässt sie an seinem ganzen Leben teilhaben und sie können ihn beobachten. Sie stellen ihre Fragen und Jesus antwortet.
Die Jünger bleiben aber nicht nur Beobachter. Relativ zeitig auf ihrem gemeinsamen Weg fordert Jesus sie auf, selbst aktiv zu werden. In Lukas 9 finden sich zwei solcher Begebenheiten: „Er sandte sie aus mit dem Auftrag, die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen.“ Und ebenso bei der Speisung der 5000: „Gebt doch ihr ihnen zu essen.“
Und am Ende ihrer gemeinsamen Zeit setzt Jesus die Jünger frei und sendet sie aus, Menschen zu Jüngern zu machen, zu taufen und alles zu lehren, was sie in der gemeinsamen Zeit gelernt haben – nicht ohne zu erwähnen, dass er immer bei Ihnen sein würde (Matthäus 28).
Vier-Phasen-Modell für Leitungsübergabe
Der Schlüssel zu einer gelingenden Übergabe von Leitungsverantwortung – egal ob einer Kleingruppe, eines Arbeitsbereichs, einer Gemeindeleitung oder einer Geschäftsleitung – liegt in der Gestaltung des Übergabeprozesses.
Um das Bild noch einmal aufzugreifen: Bis Ende 2017 durfte der Staffelstab in den ersten zehn Metern der Wechselzone nicht übergeben werden. Es gab also eine Strecke, die der Nachfolger mit dem Vorgänger bereits gemeinsam geht, ohne dass der Stab schon übergeben wurde.
Egal wie komplex die Übergabe sein mag – eine Sache ist immer gleich: Das schrittweise Heranführen und Übergeben der Verantwortung.
In der ersten Phase beobachtet der Nachfolger den Leiter. Was tut er, wie und warum? Wie auch in jeder der nachfolgenden Phasen, hängt der Erfolg hier vom gemeinsamen Austausch über die Beobachtungen ab. Dafür braucht es eine bewusste Einladung durch den Leiter. Er muss sich öffnen und von sich preisgeben.
Die zweite Phase startet, wenn der Nachfolger beteiligt wird und ihm erste Aufgaben delegiert werden. Stück für Stück muss er in echte Verantwortung kommen. Das heißt, er hat gewisse Entscheidungsfreiheiten UND ist gleichzeitig mit deren Konsequenzen konfrontiert, auch wenn auch der Leiter schützend hinter ihm steht. Der Umgang mit der Verantwortung und die Persönlichkeit des Nachfolgers stehen im Mittelpunkt der Gespräche.
In der dritten Phase wird ein bedeutender Schritt getan: Der Leiter rückt unterstützend in den Hintergrund, während der Nachfolger mehr in Erscheinung tritt. Dieser hat seine Fähigkeit bewiesen und bekommt nun Verantwortung an vorderster Stelle. Diese Phase ist für den Leiter insofern herausfordernd, dass er nun selbst weniger Aufmerksamkeit bekommt. Der Austausch dreht sich um das Befinden des Nachfolgers.
Die vierte Phase ist dann vom schrittweisen Loslassen geprägt. Der Nachfolger kommt mehr und mehr in alleinige Verantwortung und rückversichert sich in Gesprächen mit dem (ehemaligen) Leiter. Hier ist Platz für die Feinjustierung der Leitungsfähigkeiten.
Vollständig abgeschlossen ist der Prozess dann, wenn der Nachfolger eigenständig leitet und der ehemalige Leiter nicht mehr anwesend ist. Dies ist in einem gewissen Sinn die anhaltende fünfte Phase, die für den neuen Leiter wichtig ist, sich ganz frei entfalten zu können und auch für den ehemaligen Leiter, um Abstand zu gewinnen. Häufig scheitern Übergabeprozesse an dieser Stelle, aufgrund der Endgültigkeit, die dieser Schritt bedeutet.
Als Nachfolger Jesu sollten wir die Experten für die Entwicklung von Leitern sein. Jesus ruft uns, Menschen zu Jüngern zu machen, die wiederum Menschen zu Jüngern machen und so weiter. Das ist ein kontinuierlicher Prozess Menschen in Jüngerschaft einzuladen, sie zu entwickeln und dann zu entsenden.
Fragen zur Reflektion
Wen willst du dazu einladen, dich in deiner Leiterschaft zu begleiten?
Welche Aufgaben willst du delegieren, nicht damit sie erledigt sind, sondern damit jemand dadurch wachsen kann?
Bist du bereit Verantwortung abzugeben und weniger Aufmerksamkeit zu bekommen?
Mit wem kannst oder solltest du in einen Austausch über deine Leitung kommen?